Dienstag, 6. März 2018

ENTZUGSERSCHEINUNGEN


Stundenlang sitze ich nun schon in der Ecke und höre meiner Wanduhr zu. Ein fortwährendes, penetrantes Ticken, dem ich lausche. Die Uhr war ein Weihnachtsgeschenk. Wie konnte sie so lange unbeachtet bleiben? In solidem Takt zwingt sie mir den Puls der Zeit auf. Energisch. Und unerlässlich. Sie betont jeden vergangenen Augenblick wie einen Aufruf zur Tätigkeit. Während ich untätig in meinem Kellerstübchen hockend darauf warte, dass sich mir der Sinn des Lebens offenbart. Es geht in die dritte, für mich konzertlose Woche. Und das macht sich körperlich sowie psychisch bemerkbar. Neben amateurphilosophischen Gedankenansätzen erschließen sich mir bemerkenswerte Alltagsklangerscheinungen, die ich aufgrund meiner andauernden, post-Konzerten Taubheit ganz vergaß. Nicht ohne Grund hat der Postbote alle Pakete beim Nachbarn abgegeben, obwohl ich doch zuhause war. Und die Weihnachtsgeschenkuhr hängt auch nicht erst seit gestern an meiner Wand. Trotzdem ist es ungewohnt ruhig. Leer schon fast. Es war ein Fehler diese Stille mit lauten Gedanken füllen zu wollen. Verworrenes über Zukunft und Vergangenheit, was ich nicht verstehe. Auf Konzerten ist alles so schön einfach. Da brauche ich nicht zu überlegen. Nicht wenn der Barmann mich fragt, was ich trinken möchte und auch nicht, wenn die Musiker ihr „feelin' good tonight?“ der Menge entgegenschleudern. Was zählt ist Rhythmus, Melodie. Das Gestern und Morgen wird von den ausgelassenen Feiern ausgeschlossen. Dafür sind die für mich längst vertrauten Räume zu klein. Der Gang zur Garderobe und anschließend vor die Bühne ist so natürlich wie der Schulweg. Nur mit mehr Freude, Enthusiasmus, Motivation. Immer wieder auf's Neue fasziniert von der abendlichen Parallelwelt, in der man den Alltag, Sorgen und manchmal auch sich selbst ganz vergessen kann. Wie Glück. Das ist, was Konzerte für mich sind. Du brauchst jeden Tag eine Tasse Kaffee, um in Schwung zu kommen? Ich brauche die Musik. Und das Konzert als den Ausgleich, den andere vielleicht im Sport finden. Ich jogge nicht. Ich konzerte. Und bin für alle Tipps zum Kompensieren fehlender Endorphine offen. Jetzt, da mein musikalischer Terminkalender eher einer Steppe als einem steppenden Bären gleicht.
Als erstes ist die Weihnachtsgeschenkwanduhr dran.

RECORDS ARE A GIRLS BEST FRIEND