Dienstag, 30. Oktober 2018

GIG #53 OF 2018



Bisher wurden sie vernachlässigt. Die Erinnerungsfetzen an den festlichen Auftakt meiner diesjährigen Konzertjahreszeit in Hamburg. Denn mir schien es, als hätten diese Ereignisse den Bedarf, einer ordentlichen Reifezeit zu unterliegen, bevor sie auf dem Blog serviert werden. Wie bei einem guten Käse eben. 

Also reflektierte ich in den letzten Tagen gründlich. Zählte die Schritte hinaus aus der Staubwolke des langen Sommers. Auf einem Weg gen Glanz der Diskokugel. 

Der Kruste entledigt, die zuletzt von Wochenenden im Sandkasten deutscher Festivals zeugte, tragen mich meine Boots den Bahnsteig entlang. Zwischen all den hektisch vorbeitrabenden Leuten passen sie gut ins Bild. Mit warmen Farben und schwerem Schuhwerk hat sich die Mode schon auf den Herbst eingestellt. Wartet förmlich auf die verregneten Oktobertage, die noch lange nicht in Sicht sind. 

Alles Alltag an diesem Mittwoch. So scheint selbst der heutige Feiertag nichts Besonderes. Und erst recht ein menschenleerer Parkplatz vor dem grauen Klotz des Bunkers stimmt nicht in den schillernden Konzertabend ein. Vorfreude und Euphorie, wo seid ihr? Hinter der angelaufenen Fahrstuhltür, die sich im fünften Stock ruckartig vor mir öffnet? Doch nur ein Grüppchen Mädels erwidert den Blick.

Konzentriert auf die Glastür, über der ein Schild auf "Terrace Hill" verweist. Hinter der Scheibe macht sich ein Team bereit. Anzeichen, die Unruhe bei den Wartenden hervorrufen. Tickets werden aus Taschen gepult. Ungeduldig mit den Hufen gescharrt. Darauf brennend, den Prozess "Einlass" möglichst schnell über die Bühne zu bringen, um sich vor eben dieser möglichst weit vorn zu platzieren. Durchleuchtet und abgestempelt.

Langsam werde ich warm. Warum gehe ich zu Konzerten? Langsam wird es klarer. Wieder gewöhnt an das, für was ich zu verwöhnt war. Raubt die Überflutung an musikalischen Reizen meine Vorfreude? Ab heut nicht mehr. Während mir meine Jacke an der Garderobe entgegengenommen wird, lege ich auch die Skepsis des Alltags ab. Tausche sie ein gegen etwas mehr Neugier.

Und was mich erwartet, erinnert an die bevorstehende Adventszeit. Mit Lichterketten umschlungenes Equipment, das auf der Bühne in einen gemütlichen Schein getaucht ist. Einladend und nostalgisch irgendwie, bleibt dies nicht die einzige Begebenheit in dieser Nacht, die zwei Monate in der Zeit zu früh wirkt. Auch als Tom Ogden, Sänger der Blossoms, zu einem Liedschnipsel von "Last Christmas" anstimmt, kann ich nicht anders, als meine geputzten Schuhe zu hinterfragen. Nikolaus ist ja gar nicht mehr so lang hin.

Vorerst wird jedoch damit 'ne fesche Sohle aufs Parkett gelegt. Und für die Vergesslichen im Publikum steht es auch einmal in großen Lettern auf einem Instrumentenkoffer geschrieben.  Keep Dancing Inc. Der Name der Vorband beschreibt so ein ganzes Gefühl. Wenn Freude und das Schwelgen in guter Musik einen natürlichen Instinkt hervorrufen. Beine sich von selbst bewegen und der Tanz so essentiell erscheint, dass man gar nicht an ihn erinnert werden muss. 

Das Pariser Quartett eröffnet diesen Abend mit einem sympathischen Lächeln. Scheinbar unscheinbar und gleichzeitig ungehemmt. Zart ranken sich die weichen Synth-Klänge um die kantige Stimme des Sängers. Erblühen zu einem dynamischen Groove, der unaufdringlich tanzbar ist. Wie Einfachheit Atmosphäre schaffen kann, zeigt die Band nicht nur beim Ausrollen ihrer mitgebrachten Lichterkette.

Elegant enspannt wurden die Besucher des Terrace Hill an diesem Abend des 3. Oktobers in das musikalische Programm geleitet. Anschließen sollte mit Blossoms ein noch mitreißenderer Auftritt. Lang ersehnt. Das Publikum textsicher vom ersten Song bis zum aktuellen Album "Cool Like You". Und die Mädchen aus der ersten Reihe recken die Hälse, gespannt, welche Titel auf der Setlist wiederzuerkennen sind.

Das wäre gar nicht nötig gewesen. Nachdem die fünf Engländer die Bühne betraten, sich hinter ihren Instrumenten positionierten, erklangen fünf Töne. Ein Anfang, der charakteristischer nicht sein konnte. Eröffnet er doch das aktuelle Werk. Die Hälfte der anwesenden Fans summten sicher vor einigen Stunden noch zur vor Kurzem erschienene Gospelchor Version. "There's A Reason Why"

Tom Odgen ganz in weiß. Eine Erscheinung, wie er da passioniert von Liebe, Beziehungen und deren Scheitern singt. Wie Honig gleiten die Melodien süß und kitschig über die Zunge. Umrahmt von Intsrumentalbegleitungen, die mal das Mysteriöse, mal das unverblendet Klare in den Songs herausfordern. "Cool Like You" und "Between The Eyes"

Myles Kellock's Finger schweben über den Tasten. Hinter spacigem Gestell, auf dem für den Keyboarder notwendiges Gerät befestigt ist. Er sorgt für die Energie, die mit kosmischer Atmosphäre die dunklen Weiten der Nacht erkunden. Auf der Überholspur, die Lichter ziehen vorbei, so wie die angeschlagenen Töne im Nebel auftauchen und den Klang erleuchten. "Unfaithful" und "Giving Up The Ghost"

Wo Joe Donovan mit gezielten Schlägen das Trommelfell zum Schwingen bringt, setzt der Groove ein. Treibt voran. Die Basis der Popsongs im Repertoire der Blossoms. Schillernd und freudig melancholisch. Bevor die Ausgelassenheit gedrosselt wird. Zwischendrin auch verführerisch. "Honey Sweet" und "You Pulled A Gun On Me"

Auch "My Favourite Room" zeigt sich von einer ruhigen Seite. Nur Tom und seine Gitarre. Aufmerksam scheint das Publikum zu lauschen. Wer schon zu einem Konzert dieser Band war, weiß was nun folgt. Oder doch nicht? Am Ende des Stückes setzt der Gesang beim Refrain von "Whole Again" der Atomic Kittens an. Sorgt für einige freudige Aufschreie. Ein Typ mit Oasis Shirt hat sich nun in die vorderen Reihen gezwängt. Bereit "Half The World Away" aus vollem Hals mitzusingen. Und beim bereits genannten "Last Christmas", dem dritten Part des Cover-Medleys, erkennt der Publikumschor erst sein wahres Potenzial.

Zwei Lieder stehen noch auf den Zetteln, die vor jedem Bandmitglied ausgebreitet sind. Auch Josh Dewhurst und Charlie Salt an Gitarre und Bass legen sich für das große Finale nochmals ins Zeug. Tom flankiert von den beiden singt den Besuchern entgegen, die seine Worte euphorisch erwidern. Es ist Konzert Nummer 53 der Band, mein 24. Und der Abend im Terrace Hill endet mit einem Ohrwurm. "At Most A Kiss" und "Charlemagne"


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