Dienstag, 14. Mai 2019

DIE ZWEITE WELLE BRICHT DAS EIS

Meine Line-Up Highlights des Dockville Festivals in Hamburg


Spätestens als der Name "Parcels" fiel, verschwand meine Skepsis über die erste Bandwelle. Wundert dich das? Ich hoffe nicht. Nach diesem Eisbrecher sah ich einer genaueren Auseinandersetzung mit dem Line-Up nicht mehr widerwillig entgegen. Sondern sezierte ausführlich die sich eben eröffnende Möglichkeit auf ein Augustwochenende mit einigen musikalischen Highlights. So manchen Programmpunkt, der meinen Geschmack getroffen hat, möchte ich dir nicht vorenthalten. Daher folgt nun ein wenig Vorfreude auf das MS Dockville. Ein Festival, das dieses Jahr vom 16. bis 18. August in Hamburg-Wilhelmsburg stattfindet.

Yukno
Das erste Mal sah ich das Geschwisterduo auf der Malzwiese. Bereits vor diesem Auftritt, himmelte ich ihre Klangkonstrukte nicht von der ersten Reihe vor der Bühne, sondern aus meiner Wohnstube bei aufgedrehten Lautsprechern an. Danach folgten das Kosmonaut und das Reeperbahn Festival. Einmal angefangen ist das Verlangen nach den losgelösten Melodien augenscheinlich unstillbar. Nicht umsonst zählen Yukno zu den Künstlern, die meinen Spotify-Jahresrückblick ganz oben anführen. Auch jetzt fällt es mir schwer, das Fesselnde der Musik in Worte zu fassen. Hauptsächlich, weil ich zu jedem Lied mitgehe und dabei das Schreiben vergesse. 

Gehüllt in ein Kostüm aus schweren, gleichzeitig tanzbaren elektronischen Sounds fasziniert nicht allein Klang und Zusammenspiel der bedeckten Stimme und teilweise ekstatisch ausartenden Begleitung. Gesang und Text sind gekennzeichnet von einer Poesie, der ich ganz und gar verfallen bin. Was beim ersten Hören den Kopf im Takt nicken lässt, regt beim zweiten und dritten Mal die grauen Zellen zum Kombinieren an. Geschickte Betonung und Gebrauch bekannter Wendungen in neuem Kontext, die Zweideutigkeit und Gleichklänge der deutschen Sprache - all das sorgt dafür, dass ich immer wieder Kleinigkeiten in den Songs entdecke, neuinterpretiere, es nie langweilig wird. Und trotzdem ist meine Vorfreude auf etwas Neues von Yukno unbeschreiblich. Vielleicht wird auf dem Dockville schon die ein oder andere unbekannte Melodie präsentiert?



Eine Künstlerin, die ebenfalls mit der deutschen Sprache spielt, ist Mine. Das geschickt gestrickte Netz aus Worten sammelte mich ein. Brachte mich ihrer Musik nah und der Überzeugung. Meine Faszination über die in Berlin lebende Künstlerin und auch Giant Rooks, die ebenfalls das Line-Up mit ihren unverwechselbaren Songs bereichern, habe ich bereits hier zum Ausdruck gebracht. Und natürlich auch der deutsche Künstler Drangsal ist mit von der Partie. Nicht nur beim Vogelball, auch beim Dockville steht sein Auftritt ganz oben auf meiner Liste, warum lässt sich an einem meiner Konzertberichte erkennen.


Jungle
Die Songs des englischen Kollektivs leuchten wie die untergehende Abendsonne. Vor Hitze sirrende Atmosphäre in orange-goldenem Glanz, tropisch knisternde Klänge. Mich fasziniert es immer wieder, wie Melodie, Rhythmus und Gesang zusammenwirken. Ein komplexes Gebilde, das gleichzeitig als Einheit beeindruckt. Die Personen auf der Bühne entsprechen den lebenswichtige Organen, die der Musik das Atmen beibringen. Nichts scheint in diesem Moment unbeschwerter und selbstverständlicher als die Klänge, die mich umgarnen. Auf dem Reeperbahn Festival letzten September durfte ich mich dann noch vom Potenzial der Live-Auftritte überzeugen. Und das war nicht nur vorhanden, auch unvergleichlich umgesetzt. In leuchtenden Hintergrund, über dem geschwungene Lettern den Bandnamen buchstabieren. Personen in Schatten getaucht und unablässliches Tanzen zur Musik.




Loyle Carner
Durch sein aktuelles Album "Not Waving, But Drowning" wurde ich mit der Musik des Künstlers aus London bekannt gemacht. Die angenehm unaufdringliche Stimme des britischen Rappers umschließt dabei die Melodien mit ihrer Geborgenheit. Rund, nicht überladen heißen die Songs mich willkommen. Ihr Klang gibt das Gefühl der Nähe. Zurückgelehnt im Fluss des Rhythmus der Worte. Zeit, um von den wilden Ausbrüchen vorheriger Bands beim Dockville zu entspannen.


Aurora
Ebenfalls wie Loyle Carner war die norwegische Sängerin bereits Teil der ersten Welle und hat zu dem Zeitpunkt noch wenig Aufmerksamkeit von mir genossen. Jetzt frage ich mich warum. Seit einiger Zeit füllen ihre Instagram Posts meinen Feed und inspirieren mit sonderbarer Art, Naturverbundenheit und Werten fernab der schnelllebigen, städtischen Welt. Aspekte, die sich in ihrer Musik wiederfinden. Eine Stimme so klar wie kalte Winterluft, glockenhell. Zierlichkeit geht Hand in Hand mit Kraft und dynamischen Melodien. Verrückte Röcke und die weißblonden Haare wehen im Wind, während Aurora auf der Bühne herumwirbelt. Ganz in ihrer eigenen Welt, die auch die Zuschauer verzaubert. 


Zwei weitere Powerfrauen, die ich mir auf dem diesjährigen Festival in Hamburg nicht entgehen lasse, sind einerseits Billie Eilish. Spätestens mit der Veröffentlichung ihres Debütalbums kommt man nicht um die junge Sängerin herum. So fand auch ich nach anfänglicher Skepsis Gefallen an ihren hypnotisierenden Melodien und dem gewisperten Unterton im Gesang. Zum Teil aus düsteren Songs, beunruhigender Visualisierung dessen und einem Aufsehen erregendem Erscheinungsbild zusammengesetzt, ist es auch die Ausstrahlung Billie Eilish's, die mich festhält. Natürlich bin ich da gespannt, was mich dann bei einem Live-Auftritt erwartet. Ganz im Kontrast dazu nenne ich als zweites Kat Frankie. Die ursprünglich aus Australien stammende Künstlerin hat mich bereits im letzten Jahr auf dem Kosmonaut Festival mit ihren Songs überzeugt. Atmosphärisch und bestehend aus einer Vielschicht an Klangeindrücken besticht die Musik der Dame in rot mit ihrem ganz eigenen Charme.




Parcels
Wo das Stichwort Australien und um einen Rahmen um diese Line-Up Highlights zu spannen fiel, möchte ich auf die eine anfangs bereits genannte Gruppe zurückkommen. Die fünf Jungs von Parcels würden mich, gäbe es gewisse finanzielle Grenzen nicht, wohl auf jedes Festival locken können. Es ist auch schwierig von ihren Konzerten genug zu bekommen. Losgelöste Emotionen zu der glitzernden Mischung aus Funk und Disko. Basslines, die im Kopf stecken bleiben. Einfach Musik, die mit Hüftschwung Sauerstoff in die Blutbahnen pumpt, wie eine Droge, high von der Stimmung. Doch neben meinen Lieblings-Wahlberlinern kommt der eigentliche Besuch aus Australien von Hockey Dad. Im Gepäck hat das Duo australischen Surf-Rock. Das Trio von Skegss lässt ihre Heimat Byron Bay ebenfalls hinter sich, um auf dem Dockville zu groovigem Garage-Rock abzugehen. Und Punk-Rock gibt es von The Chats, die den Sonnenschein aus Sunshine Coast hoffentlich für das Wochenende mit nach Hamburg nehmen.



Foto & Text: Annekatrin Schulz