Freitag, 8. November 2019

KOPFKONZERTE



Ein Mann nimmt mir gegenüber Platz. Er hat eine Halbglatze und sein buschiger Schnurrbart verlängert die starren Mundwinkel. Mit schmalen Lippen kaut er einen Bonbon. Mich stört das leise Knacken, wenn seine Zähne die künstliche Substanz entzweien. Ein herber Geruch beißt in der Nase. Pfefferminz. Auf den langen Tisch vor uns stellt er die kleine Pappschachtel mit den Bonbons ab, ohne mir etwas davon anzubieten. 

Mein Gegenüber legt sich einen Block auf den Schoß, klickt mit dem Kugelschreiber. Der erwartungsvolle Blick in den Raum deutet an, dass er nun bereit ist, die heutige Sitzung zu beginnen. Um mich herum werden alle Geräusche eingesaugt. Und als ich nach einem kurzen Blinzeln erneut in die Runde blicke, sehe ich hinter der verglasten Außenwand eine gelbe Tram vorbeifahren. Die Abenddämmerung hat eingesetzt. Das Personal vom Restaurant auf der anderen Straßenseite rückt die Hocker an der Bar zurecht. 

Ich selbst sitze recht unbequem. Mit meinem Schal und dem Wintermantel, für den es eigentlich noch zu warm draußen ist, versuche ich, die platte Holzlehne meines Stuhls zu polstern. Es gelingt mir nicht. Doch nach einiger Zeit arrangiert sich mein Rücken mit der steifen Position. Mein Blick gleitet, stets nach vorn gerichtet, ins Leere. Und leise dringt aus einer anderen Dimension Musik an mein Ohr. Das Nicken, dass das leichte "mh-hm, mh-hm" meines Gegenüber begleitet, während er sich Notizen auf kariertem Papier macht, nehme ich nur halb wahr. Irgendwann blende ich es ganz aus. Lasse mich auf die Musik ein.

Eine Melodie umgarnt mich in diesem quadratischen Raum mit der kalt-weißen Beleuchtung, die von minimal flackernden Leuchtröhren auf den langen Tisch fällt. Eine ganze Reihe an Instrumenten wärmt diesen Anblick. Insbesondere der volle, oft dumpfe Klang der Bläser. Hörner. Wie auf der Jagd, wenn die kleinen Töne der Flöten wendig den erhabenen Bläsern davonlaufen. Die aufgehende Sonne glüht golden am Horizont. Aufbruchsstimmung. Ein wenig euphorisch, ein wenig verzweifelt. 

Dieses Motiv türmt sich auf und wird dann unterbrochen. Von einer verzierten Frauenstimme. Sie singt auf französisch. Meist Wörter, die ich nicht verstehe. Sie fügt sich in die Struktur der Instrumente ein. Bäumt sich auf. Und addiert nach und nach tiefe Männerstimmen und einen Chor hinzu. Schnell zu einem ganzen Klang-Heer aufbrausend. Oder Meer. Das mich mitreißt in seiner unausweichlichen Strömung. Armez-vous! Wir bewaffnen uns mit Euphorie und der Melodie einer gelb-glänzenden Trompete. 

Meine gefalteten Hände, die zuvor auf dem langen Tisch ruhten, durchzuckt die Komposition. Die Augen kleben an den Musikern vor mir. "Die Antwort finden Sie im Text, und nicht, wenn Sie mich ansehen." Unterdrücktes Lachen von meinen Sitznachbarn, bis ich bemerke, dass ich gemeint bin. Ich senke meinen Blick auf ein Papier, das mir etwas über Medientheorien verrät. Die Melodie verklingt. Ich bin immer noch in der Uni, eine halbe Stunde Diskussion der Textgrundlage steht bevor. Es dauert jedoch nicht lang, bis ich wieder in der französischen Oper abdrifte.




Text & Foto: Annekatrin Schulz